Meine JAWA-Story

Die Begeisterung für Motorräder habe ich sicherlich von meinem Vater in die Wiege gelegt bekommen. Er war 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt und hatte im damaligen Kaliwerk Roßleben seine Tätigkeit als Dreher wieder aufgenommen. Sein technisches Interesse führte dazu, dass sich der damals 25-jährige mit einem Nachbarn anfreundete, der zu Beginn der 50er Jahre Amateurrennen auf der wieder in Betrieb genommenen Halle-Saale-Schleife mit einer Eigenbaumaschine fuhr, an der es stets Reparatur- und Verbesserungsbedarf gab.

Der Wunsch nach einem eigenen Motorrad war zwar vorhanden, die Führerscheinprüfung hatte er bereits im November 1940 abgelegt, aber zu dieser Zeit unerfüllbar. Nach der Heirat standen mit der Schaffung eines eigenen Hausstandes andere Prioritäten im Vordergrund, zumal ich im November 1954 geboren wurde.

Doch jetzt kam meinem Vater ein glücklicher Umstand zu Hilfe. Ein Lehrer der Klosterschule in Roßleben hatte in seinem Schuppen eine alte Standard 200 aus den 30er Jahren gefunden. Diese Maschine befand sich in einem sehr schlechten Zustand und sollte restauriert werden. Mein Vater erklärte sich bereit und baute in monatelanger Kleinarbeit die Standard wieder auf. Im Frühjahr 1956 war es soweit und die Maschine erstrahlte im neuen "alten" Glanz (siehe Foto). Der Arbeitslohn bildete zugleich den Grundstock für ein eigenes Motorrad. Nun konnte man natürlich 1956 in der DDR nicht einfach in ein Geschäft gehen, um ein Motorrad zu kaufen. Es war zunächst eine Bestellung notwendig. Der Termin war unbestimmt und es konnten durchaus mehrere Jahre bis zur Lieferung vergehen. Zur Unterstützung erhielt mein Vater als Beschäftigter in einem "volkswirtschaftlich wichtigen Bergbaubetrieb" eine sogenannte "Dringlichkeitsbescheinigung". Mit dieser bestellte er in der KONSUM-Technikverkaufsstelle in Roßleben eine JAWA 175 zum Preis von ca. 2500 DDR-Mark.

Restaurierte STANDARD 200

Die tschechischen Motorräder mit einem Hubraum von 175 und 350 ccm waren in der DDR sehr beliebt, zumal die DDR noch nicht in der Lage war den Bedarf an Motorrädern aus eigener Produktion mit den Marken IFA (ehem. DKW), EMW und Simson zu decken. Darüber hinaus hatten JAWA-Motorräder zu dieser Zeit Weltruf, nicht zuletzt wegen der sportlichen Erfolge. Die JAWA 175 war eines der wirtschaftlichsten Fahrzeuge dieser Zeit und sah einfach auch gut aus.
Und trotzdem kam es anders. Der Volksaufstand in Ungarn im Oktober 1956 war der Grund dafür, dass die JAWA-Werke zeitweilig keine Motorräder nach Ungarn liefern konnten. Deshalb wurde ein Sonderkontingent mit 250 ccm-Maschinen der Modellreihe JAWA 353 in die DDR exportiert. Die KONSUM-Verkaufsstelle in Roßleben erhielt drei von diesen Motorrädern. Der Verkaufsstellenleiter der KONSUM-Genossenschaft in Roßleben suchte daraufhin Besteller von JAWA-Maschinen persönlich auf. So klingelte er an einem Novemberabend auch an der Tür meiner Eltern und unterbreitete ihnen das Angebot, anstatt der bestellten JAWA 175, sofort eine JAWA 250 gegen Barzahlung zu liefern. Nach einem Tag Bedenkzeit und Klärung der Finanzierung, die 250er war immerhin 700 DDR-Mark teurer und das waren 1956 für einen Handwerker in der DDR mehr als zwei Monatslöhne, sagte mein Vater beim KONSUM in Roßleben zu.

Am 26.11.1956 war es soweit. Für 3200 DDR-Mark wurde mein Vater stolzer Besitzer der JAWA 250, Modell 353/03, mit der Nummer 071151. Wegen des kalten Wetters im Dezember 1956 wurde die Maschine erst am 05.01.1957 unter dem polizeilichen Kennzeichen KF 47 - 19 durch die KFZ-Inspektion des Polizeikreisamtes Artern zugelassen. Der Zulassungstempel wurde noch auf der mir vorliegenden Rechnung erteilt, denn KFZ-Briefe wurden in der DDR erst ab 1958 ausgestellt.

Frühjahr 1957

Sommer 1961

Herbst 1962

Mit der JAWA kehrte auch ein Stück neue Lebensqualität in unsere Familie ein. Wenn man bisher stets auf Bus oder Bahn angewiesen war, weiß man es zu schätzen, viele Wege schnell und ohne an Fahrpläne gebunden zu sein, erledigen zu können. Mit der JAWA war der Besuch von Verwandten oder Bekannten kein Problem mehr. Der Einkauf oder Behördenweg in die Kreisstadt war schnell erledigt. Nicht zuletzt eröffnete das Motorrad die Möglichkeit die nähere und fernere Heimat besser kennenzulernen. Ich erinnere mich noch gut, wie stolz ich war, als ich mit sieben Jahren (das war seinerzeit das vorgeschriebene Mindestalter) als Sozius auf der JAWA mitfahren durfte. Die JAWA hatte inzwischen einen Gepäckträger bekommen, der Rückspiegel wurde gemäß neuer StVZO nachgerüstet und die Lederkappen durch Sturzhelme der Marke "Perfekt" abgelöst.
 
Das Mitfahren auf dem Motorrad ist zwar nicht schlecht, ab selbst ein Motorrad zu fahren ist doch etwas anderes. Den ersten Schritt dazu unternahm ich, als ich mit 15 Jahren die Mopedprüfung auf dem Simson SR2 unseres Nachbarn ablegte. Ein eigenes Moped konnte ich mir als Schüler nicht leisten und mein Vater wehrte derartige Wünsche entschieden mit der Begründung ab, dass ich später die JAWA nutzen dürfe und im Moment nicht unbedingt ein eigenes Fahrzeug brauche. Im Gegensatz dazu gestattete er mir, in seinem Beisein die JAWA zu fahren. Nach einigen Übungen auf dem eigenen Grundstück folgten gelegentliche Fahrten auf Feld- und Waldwegen, also außerhalb des "öffentlichen Verkehrsraumes". In dieser Zeit fuhr ich mit meinem Vater besonders gern zum "Pilzesuchen" in den nahe gelegenen Ziegelrodaer Forst. Denn während er sich den Pilzen widmete, konnte ich herrlich mit der JAWA durch die weiträumigen Wege im Wald "crossen". Mit der Handhabung der Maschine war ich bestens vertraut, aber der Straßenverkehr musste noch warten. Mit 16 Jahren konnte ich am örtlichen Ausbildungszentrum der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) an der Fahrschule für die damalige Klasse 1 für 60 DDR-Mark Kurs- und Prüfungsgebühr teilnehmen. Hier rächten sich zunächst meine JAWA-Erfahrungen. Bei den zur Ausbildung bereitgestellten Motorräder vom Typ MZ ES 150 war die Schaltung, wie allgemein üblich, mit dem 1.Gang nach unten und allen weiteren Gängen nach oben, genau entgegengesetzt zur JAWA ausgelegt. Das führte dazu, dass ich mich in den ersten Fahrstunden häufig verschaltete. Trotzdem schaffte ich die Prüfung in den vorgegebenen Mindeststunden. Ich hatte also jetzt endlich den Motorradführerschein, der jedoch bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres auf Maschinen bis 150 cm³ begrenzt war.
 
Trotzdem ließ ich es mir nicht nehmen die JAWA gelegentlich zu fahren, jedoch nur kurze Strecken und meist innerhalb Ortes. Es hat diesbezüglich nie Beanstandungen gegeben und selbst durch den zuständigen Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei (heute würde man Kontaktbereichsbeamter sagen) wurde es mit einem Lächeln toleriert. Ich besuchte inzwischen die Abiturklasse des Gymnasiums (damals hieß es noch Erweiterte Oberschule) und wurde endlich 18 Jahre. Damit war JAWA-Fahren ohne rechtliche Risiken möglich. Ich nutzte dazu jede Gelegenheit. Mit Schulfreunden wurden die ersten Disko's und Tanzveranstaltungen in den Nachbarorten besucht und einem Urlaub in Dresden oder Mecklenburg stand auch nichts mehr im Wege. Es war eine schöne und unbeschwerte Zeit an die ich mich gern zurückerinnere. Und noch eine Aufgabe hatte ich jeden zweiten Sonntag mit der JAWA zu erledigen. Ich fuhr meine Großmutter, die zu dieser Zeit bereits über siebzig Jahre alt war, zu ihren Freundinnen zum "Kaffeeklatsch". Es machte ihr jedes Mal viel Spaß - und etwas Benzingeld sprang für mich auch heraus.
 
Inzwischen zum Grundwehrdienst bei der NVA eingezogen, brauchte ich meine Motorradleidenschaft nicht aufzugeben, nur fuhr ich jetzt eine MZ ES 250/0 in Armeeausführung. Nach der Armee und mit Studienbeginn legte ich mir selbst ein Motorrad zu. Die Entscheidung fiel deshalb, da mein Vater nicht ständig auf seine JAWA verzichten wollte, was für mich verständlich war. Eine gebrauchte ES 150/1 im selbstgestylten "Enduro-Design" war damit mein erstes eigenes Motorrad, das mir während des Studiums treue Dienste leistete. Nach dem Berufsstart wechselte ich noch zu einer neuen MZ TS 150 und tauschte diese nach zwei Jahren gegen eine MZ TS 250. Durch meinen täglichen Arbeitsweg von 15 km, der zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter zurückgelegt werden musste, entschied ich mich 1979 ins Lager der "Trabi-Fahrer" zu wechseln. Das hielt mich natürlich nicht davon ab, gelegentlich eine Runde mit Vaters JAWA zu drehen.
 
Die JAWA wurde weiterhin von meinem Vater genutzt. Er hatte zu keiner Zeit Ambitionen ein Auto zu fahren und hat deshalb nie einen PKW-Führerschein abgelegt. Natürlich waren über den langen Gebrauchszeitraum auch ein paar grundlegende Reparaturen notwendig. So wurde 1973 der Motor durch eine Fachwerkstatt generalüberholt. Die Ersatzteilversorgung, insbesondere für JAWA-Motorräder, war in der DDR recht spärlich. Notwendige Teile gab es in den 60er Jahren gelegentlich in der IFA-Verkaufsstelle in Leipzig, Friedrich-Ludwig-Jahn-Allee 12 oder in der Uferstraße in Halle. Mitte der siebziger Jahre wurde der Ersatzteilvertrieb endgültig eingestellt. Bei meinem letzten Besuch im Jahr 1976 in der IFA-Verkaufstelle Halle wurde mir durch eine nette Verkäuferin das Original-Ersatzteilverzeichnis für die JAWA 353/03 Bj. 1956 geschenkt, da man es nicht mehr benötigte. Es wurde also stets improvisiert, um die Verkehrs- und Betriebssicherheit des Fahrzeuges zu erhalten. Die Erhaltung des Originalzustandes war dabei sekundär. So wurde der blind gewordene Lampeneinsatz durch den eines Skoda-Octavia samt Lampenring ausgetauscht, die defekte PAL-Hupe gegen eine AWO-Hupe gewechselt und die inzwischen etwas rostigen Fischschwanzauspuffe durch Auspuffe in Zigarrenform ersetzt. Ein besonderes Highlight waren die selbstgefertigten Blinkleuchten. Hier wurden vier polierte Alu-Fahrradlampen mit Blinkleuchtengläsern des PKW P 70 versehen. Diese Konstruktion passte auch optisch hervorragend zur JAWA.

Mein Vater mit der JAWA um 1975

In den 80er und 90er Jahren wurde die JAWA langsam zu einer Seltenheit im Straßenverkehr. Während die 80er Jahre in der DDR überwiegend von einheimischen MZ-Motorrädern dominiert wurden, setzte nach der politischen Wende der "Run" auf westliche Motorradmarken ein. Das Motorrad entwickelte sich mehr und mehr vom früher notwendigen alltäglichen Gebrauchsfahrzeug zum Hobbyinhalt oder Sportgerät. Unbeeindruckt von diesem Trend rollte unsere JAWA über Thüringens Straßen. 1990 wurde sie umgekennzeichnet und trägt seither das amtliche Kennzeichen ART-K 11. Die Vorführungen bei TÜV bestand die Maschine immer mit Bravour und natürlich "ohne Mängel". So mancher Prüfingenieur freute sich auf die Probefahrt mit der nunmehr schon alten Dame.
Im Alter von 76 Jahren verstarb mein Vater im April des Jahres 2000. Wegen meiner engen Bindung zu diesem Fahrzeug, von frühester Kindheit an, war es für mich natürlich keine Frage, die JAWA zu übernehmen.
 
Durch einen Zeitungsartikel in der "Thüringer Allgemeine" wurde ich im Herbst 2002 auf vier JAWA-Fahrer aus meiner Region aufmerksam. Ich suchte den Kontakt zu ihnen und wurde freundlich aufgenommen. Meine JAWA wurde kritisch begutachtet, kleinere Mängel aufgezeigt und Hinweise zu deren Behebung und zur Ersatzteilbeschaffung gegeben. Aus dieser Begegnung entstand eine bis heute andauernde Freundschaft und es wurde das Interesse an einem Hobby geweckt, das ich nicht missen möchte.
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